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7.07.2008

Im Namen des Kondor

Kategorie: deutsch, Besucher

Von: natur + kosmos

Hoffnung für den größten Vogel der Welt

Ein strahlender Dezembertag in Buenos Aires, selbst die gewöhnlich smogbeladene Luft ist ungewöhnlich frisch. Vor einem Flachbau in einem versteckten Teil des Hauptstadt-Zoos sitzt rund ein Dutzend Indios, teils in traditionellem Gewand, schweigend im Kreis. In dem Gebäude hantiert derweil eine Handvoll Menschen in weißen Kitteln, Handschuhen und Mundschutz mit modernsten Gerätschaften. Die Sorge beider Gruppen gilt demselben Objekt - einem großen, weißen, etwa elf Zentimeter langen Ei. Aus ihm soll in den nächsten Minuten ein Küken schlüpfen, das, wenn alles gutgeht, zu einem majestätischen Vogel heranwachsen wird, zum Herrscher der Lüfte in den Anden: dem Kondor.

Es ist der Biologiestudentin Maria vorbehalten, dem kleinen Vogel die letzten Schritte ins Leben zu erleichtern. Seit zwei Monaten hat sie als freiwillige Mitarbeiterin der Stiftung "Bioandina" gemeinsam mit anderen Volontären die Entwicklung des Eis durchgehend überwacht. Behutsam zupft sie jetzt ein paar Stückchen der Schale beiseite und beobachtet konzentriert, wie sich das Küken ins Freie strampelt und seine ersten Atemzüge macht. Vorsichtig greift sie das nackte, blinde und völlig hilflose Wesen, säubert und trocknet es und legt es in den Brutkasten, in dem es bei kontrollierter Temperatur und Luftfeuchtigkeit die nächsten Wochen leben wird.

Einer der Wissenschaftler bringt die frohe Kunde nach draußen. Bewegung ergreift die Gruppe der Indios; aber keine Euphorie, sondern eher stille Freude. Apolinar Ramos Quispe, der Anführer, nimmt aus den Händen des Biologen eine Plastikschale mit dem Dottersack in Empfang, der nun rituell vergraben werden wird. Im Gegenzug verkünden die Indios den Namen, den sie sich für den neuen Kondor ausgedacht haben und den die Wissenschaftler übernehmen werden: "Pacha Qawa" - Beobachter von Raum und Zeit. Die Indios verbrennen Kokablätter und Lamafett, damit die Dämpfe den Flug des Kondors unterstützen, und dann stimmt Apolinar einen Gesang an, in den die anderen einfallen. Ein monotoner Singsang fast ohne erkennbare Melodie, eine tranceartig wirkende musikalische Endlosschleife, vorgetragen mit wiegendem Oberkörper: eine Anrufung der Götter des Himmels und der Erde, des Feuers und der Sterne, auf dass sie dem Vogel Kraft verleihen mögen. (...)

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(Quelle: www.natur.de )


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